Ein neuer Trend greift um sich, der überall auf unseren Straßen entdeckt werden kann – Strickereien und Häkeleien. Auch wir haben einige sogenannte Wollgraffitis gefunden und wollten mehr darüber wissen.  Mehr Wärme in Berlin – das ist es was die Guerilla-Stricker mit Nadel und Faden in unserer Mutterstadt erreichen wollen. Der Trend, der in Berlin um sich greift stammt aus den USA und ist auch als Yarn Bombing oder Guerilla Knitting bekannt. Sie machen die Stadt bunter, ohne dabei etwas zu beschädigen. Bäume, Parkbänke und sogar Denkmäler werden bunt überzogen und müssen den Betrachter einfach zum Lächeln bringen, oder auch zum Nachdenken, denn die Strickereien können auch politische Statements sein. Wir haben die Wollgraffiti-Künstlerin Patricia Montag  getroffen und sie zu der neuen Kunstform auf unseren Straßen befragt.

Patricia macht seit drei Jahren Wollgraffitis in Berlin und der Welt. Ihre Inspiration kommt von Orten und Plätzen. Sie sucht sich zunächst einen besonderen Ort in der Mutterstadt und denkt sich dann ein Wollgraffiti dafür aus. Zuhause bereitet sie das Kunstwerk vor und geht dann zurück, um es anzubringen. Ein Wollgraffiti schafft immer Aufmerksamkeit und bringt Menschen dazu den Ort, an welchem es angebracht ist, aus einer anderen Perspektive oder mit einem anderen Schwerpunkt zu betrachten. Auch soll der Ort dazu dienen das Kunstwerk zu finden. Bilder ihrer Werke stellt sie regelmäßig auf ihre Webseite und die Zahl ihrer Bewunderer wächst stetig.

 

Die Idee, die Stadt mit Wolle zu verschönern, kam der Kunst-und Deutschlehrerin durch eine Gruppe von Schülern, in einem Kreativkurs. Sie hatte den Kurs als Vertretung übernommen und gab ihnen eine Reihe von kreativen Tätigkeiten zur Auswahl. Überraschenderweise wollten die meisten Schüler das Stricken lernen und so nahm das Langzeitprojekt ‚Wollgraffiti‘ seinen Lauf. Auch nachdem Patricia den Kurs wieder verlassen hatte, hat sie das Bestricken von öffentlichen Orten weiterverfolgt. Sie hat eine Webseite erstellt, wo sie die Bilder ihrer Werke einstellte. Zunächst war die Seite dazu gedacht die Schüler auf dem Laufenden zu halten und sie damit auch zu motivieren selber weiter zu stricken. Doch ganz allmählich wurde daraus mehr und beinahe ohne es zu bemerken wurde Patricia Teil einer weltweit neuen Kunstform.

 

Patricia selbst nennt ihre Werke Wollgraffitis und gibt damit dem allgemein bekannteren Wort Guerilla Strickereien eine breitere Bedeutung. Tatsächlich handelt es sich nicht immer um gestrickte Werke, oftmals sind sie auch gehäkelt. Häkelarbeiten lassen sich nämlich viel schneller fertigstellen und das spielt oftmals eine große Rolle. Nicht alle Guerilla Stricker und Strickerinnen gehen so vor wie Patricia. Manche fertigen ihre Werke vor Ort an und auch in Gruppen. Manche machen das sogar nachts, weil sie nicht gesehen werden möchten, lieber anonym bleiben, oder vielleicht weil sie sich nicht trauen ihre Werke am Tage anzubringen. Patricia hat keine Scheu, auch wenn sie anfangs etwas schüchtern war. Heute bringt sie ihre Wollgraffitis ganz selbstbewusst an öffentlichen Plätzen an, sogar wenn die Polizei direkt daneben steht. Immerhin zerstört Sie dabei nichts.

 

Wollgraffitis bedeuten für Patricia Begegnung. Würde sie dabei ganz und gar anonym bleiben, würde sie sich selbst um die Reaktionen auf ihre Kunst bringen. Sie hinterlässt an ihren Werken immer eine Karte mit ihrer Webseite. So kann man mit ihr in Kontakt treten und sie zu den Wollgraffitis befragen und Feedback geben, und davon bekommt sie viel. Immer nur sind die Reaktionen auf die wolligen Kunstwerke positiv. Patricia wünscht sich jedoch, dass auch andere Wollkünstler  eine Möglichkeit da ließen, um mit ihnen in Kontakt treten zu können. Einfach nur um sich unter Wollgraffiti-Kollegen einmal austauschen zu können. Und manchmal gibt es doch ein Projekt, bei dem sie nicht gern alleine wäre, wie zum Beispiel bei dem Baum in Mitte, den sie für einen RBB-Beitrag bestrickt hat. Dort hatte sie zum Glück ein Kamerateam zur Gesellschaft dabei.

 

Nicht selten verschwinden die Wollgraffitis innerhalb kürzester Zeit. Doch das macht der Künstlerin rein gar nichts aus. Was nicht nur sie sich fragt ist: Was machen die Leute, die die Wollgraffitis mitnehmen, damit? Einmal bekam sie eine Antwort auf diese Frage, von jemandem der ganz höflich gefragt hat, ob er es mitnehmen darf. Er wollte damit einen tristen Metallschrank in seinem Zuhause verschönern. Letztendlich hat er es doch dagelassen, damit andere sich auch daran erfreuen können. Patricia hat auch Spaß daran die Reaktionen der Leute auf ihre Werke zu beobachten und so bleibt sie immer noch eine Weile in der Nähe, wenn sie ein neues Graffiti angebracht hat. Da sie durchweg positives Feedback erhält, kann man davon ausgehen, dass die Wollgraffitis immer ein gutes Zuhause bekommen, weil die Betrachter es einfach zu schön finden, um es auf der Straße zu lassen. Wer sich Keins mit nach Hause nimmt, kann die Kunstwerke auch auf ihrer Webseite immer wieder ansehen.

 

Ihre ‚Festhaltestelle‘ am Alex, in den Wintermonaten, hat sicherlich auch vielen Menschen in der kalten Jahreszeit eine Freude bereitet. Dort hat sie das Geländer an einer Straßenbahnhaltestelle umgarnt und mit Handschuhen versehen, damit sich die wartenden Berliner daran wärmen können. Bei der ‚Festhaltestelle‘ hat das Stricken bzw. Häkeln als Handwerk ausnahmsweise seinen ursprünglichen Zweck erfüllt, aber bei den meisten anderen Wollgraffitis hat das Handwerk seinen eigentlichen Raum verlassen und wird zur Kunst. Es hat keinen Nutzen mehr, sondern ist nur noch Ausdruck und das ist für Patricia das Faszinierende an dieser neuen Kunstform.

 

Wir finden es einfach nur schön zu sehen, dass jemand unsere Stadt bunter macht und es jemanden so viel Freude machen kann, wenn andere sich freuen. Das hat in den vergangenen Tagen auch das Berliner Abendblatt erkannt und das Liberal Magazin, welche auf die Wollgraffitis und insbesondere auf Patricia, aufmerksam geworden sind. Wollgraffitis bringen Wärme und Freundlichkeit in unsere Mutterstadt und es sollte vielmehr davon geben. Wir sind gespannt wie groß dieser Trend noch wird und werden die Augen für weitere Wollgraffiti-Fundstücke offen halten.

 

Beitrag erschien im Vorgängerblog am 22.05.2013

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